
von Sane Wadu
Maler, Kenia
Öl/Lw., 56,5 x 45,5 cm
Holzrahmen (Keilrahmen), 62 x 50,5 cm
Provenienz: Sane Wadu, Naivasha, Kenia 1996
Ausgestellt in: "Spirit Afrika", Museum Abtei Liesborn, 2021
Preis auf Anfrage
Die Familie lebt
Manchmal fragt man sich als Sammler, „Warum habe ich vor
vielen Jahren dieses Bild gekauft? Was hat mich dazu bewogen? Welche Umstände
waren es? War es nur ein kurzer Impuls, ein Kunstwerk zu besitzen oder eine
reifliche Überlegung, die zum Erwerb eines Gemäldes oder einer Skulptur geführt
hat?“ Bei „Love Munga“, das Sane Wadu auch „Family Life“ genannt hat, scheinen
im Rückblick vor allem die Umstände eine Rolle für Kauf dieses kleinen Tableaus
geführt zu haben.
Ich hatte den Künstler in seinem Haus besucht, seine Frau und
Kinder kennengelernt und war glücklich, aus der Hand von Sane direkt zwei
Bilder bekommen zu haben. Plötzlich zog der Maler noch ein drittes Gemälde
hervor, das unter einem Packen anderer Objekte gesteckt haben musste. Ich
schaute es mir an, dachte, dass ich eigentlich genug Arbeiten von Wadu besitze
und auch in der Gallery Watatu in Nairobi schon ein Bild des Künstlers
reserviert hatte. Doch
als ich Wochen später erneut Sane in der Hauptstadt Kenias traf, drückte er es
mir in die Hand und sagte, ich solle es nach Europa mitnehmen.
Inzwischen sind viele Jahre vergangen und ich schaue mir das Kunststück ein wiederholtes Mal genauer an. Was sehe ich? Einen Mann mit Mütze, der über ein auf den ersten Blick tisch-ähnliches Objekt gebeugt zu sein scheint. Vor seinem Gesicht befindet sich ein Gitter, aus dem nicht hervorgeht, ob es einen Blick nach außen freigibt oder ein Eingesperrt-Sein zeigt. Im Rücken des Mannes ist offenbar eine Hütte angedeutet; jedenfalls spricht die Form für diese Deutung.
Darunter befindet
sich eine sitzende oder kniende Gestalt, deren Kopf wohl einen Schleier trägt.
Vielleicht stellt diese Figur seine Frau dar. Rechts daneben springt mir ein
Gesicht entgegen. Es scheint zu lachen, hat aber eher einen maskenhaften
Ausdruck. Man könnte darin aber auch einen Kindskopf sehen, mit all der
Doppeldeutigkeit, die dieser Begriff in der deutschen Sprache zulässt. Vor
diesem Hintergrund erscheint der Blick der Frau ohnmächtig und besorgt, so als
hätte sie alle Mühe, dieses andere Wesen in seiner Eigenständigkeit zu
begreifen bzw. „in den Griff“ zu bekommen.
Erst jetzt, bei näherer Betrachtung, erkenne ich in dem „tisch-ähnlichen Objekt“ einen weiteren Kopf, ein Gesicht mit geöffnetem Mund. Ein farbiges Gebilde im Ohr sieht aus wie ein Holzpflock, den traditionelle Ethnien wie die Massai als Schmuckstück tragen. Der Mann drückt die Hand gegen das Gesicht, oder schlägt er sie dagegen? Sein gesamter Körper scheint sich dem Kopf des Schreienden entgegenzustemmen, sein linker Fuß mündet direkt vor dem offenen Mund. Ist das schon eine Szenerie der Gewalt oder noch eines friedlichen Familienlebens?
Diese Fragen bleiben unbeantwortet. Man kann zwar vermuten, dass es sich um eine autoritäre Familienaufstellung handelt – oben der Mann, darunter die Frau, ganz unten die Kinder. Er, abgewandt von der Frau, scheint nur zu arbeiten, nur für sich selbst zu existieren, und die Frau, abgewandt von dem Mann, sorgt sich um die Kinder, den Haushalt, um die Existenz der Familie. Auf beiden schultert die Verantwortung, beide leben für sich, so wie alle Figuren auf dem Gemälde losgelöst voneinander erscheinen.
Dagegen aber spricht die friedliche Gesamtstimmung des Bildes. Die Farbtönungen der Figuren fließen trotz ihrer Abgrenzung ineinander und lassen die Einzelelemente zu einer harmonischen „Family Life“ verschmelzen. Der Titel „Love Munga“ scheint diese familiäre Konstellation zu betonen, da dem Namen Munga in den afrikanischen Bantu-Sprachen traditionell eine optimistische, gemeinschaftsbildende Bedeutung zugemessen wird. Munga heißt auch „von Gott gegeben“. Kinder werden Munga benannt, um damit eine hoffnungsvolle Zukunft zu wünschen und die Beibehaltung der Traditionen zu bekunden.
Wie in einem Vexierbild betreibt der Künstler das Spiel mit dem Sichtbaren und Unsichtbaren, mit dem Verborgenen und dem Erkennbaren. Der Mann, der drohend über allen anderen zu stehen scheint, ist Teil dieser Familie, die sich unter den Dächern einer afrikanischen Idylle wiederfindet. Der Maler verbirgt die wahren Verflechtungen der kleinsten gesellschaftlichen Einheit, um damit ihre verdeckten Widersprüche aufzuzeigen. Sane Wadu, der sich selbst als den „gesunden“ Wadu bezeichnet hat, versteckt sich in der Kunst und durch die Kunst und legt im gleichen Moment die Divergenzen im afrikanischen Lebensalltag offen.
Autor: Michael Drechsler